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Vorspann:

Seit freiheitsliebende Frauen begannen, im Zuge der französischen Revolution die Menschenrechte auch auf sich zu beziehen und Forderungen zu stellen (Recht auf Wahl, Erwerbstätigkeit, Bildung, Scheidung – nicht nur Heilige, Hausfrau oder Hure sein), seitdem werden sie als „Hässliches Geschlecht“ karikiert, den Männern und vor allem den anderen Frauen mit erhobenem Zeigefinger vor Augen gestellt:

Als hosentragende, rauchende, dichtende, Kinder vernachlässigende „Blaustrümpfe„, frustrierte Flintenweiber und männerhassende Megären, gewaltbereite Suffragetten und „verkniffene Emanzen„…

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Honoré Daumier und das Häßliche Geschlecht – Frauenbewegung in der Karikatur des 19.Jahrhunderts

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in:  „Honoré Daumier und die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft“, Katalog zur Ausstellung Berlin, Schloß Charlottenburg (NGBK) 1974, Stuttgart (Württembergischer Kunstverein) 1975, Graz/Österreich (Kulturhaus) 1977

Ein „Pionier-Text“ – ebenso wie „Berufsverbot für die Musen“ -, der eine feministische (und ironisch-kritische) Geschlechterperspektive in die deutschsprachige Kunstgeschichte einführte.

Ubersetzungen:

englisch (USA) in: „Heresies„, New York, Nr. 2/1977 > Menü „Englisch“. Alle Ausgaben im Volltext zum kostenlosen Download beim Hampshire College, The Heretics. Dort auch Infos und Bilder über einen neuen Dokfilm zu und mit den Macherinnen von Heresies.

niederländisch in: „Kunstwerk“, Zeitschrift am Kunsthistorischen Institut der Universität Nijmegen/Niederlande, Nr. 15/1979, > Menü „Other Languages“

deutsch:  Artikel (bis S.64) als Volltext mit Illustrationen unten  onscreen lesen

Artikel mit Illustrationen als PDF:

Kapitel PDF

Intro – 1789: Die Vorkämpferinnen
Die Frauenemanziaption zwischen den Revolutionen: Die Apostel

p.57-60
Die Blaustrümpfe verderben die Ehesitten p.61-64

Die Frauenbewegung 1848. Ziele und Organisation
Die Organisation der Frauenarbeit
Nationalwerkstätten für Frauen
Die Frauenbewegung im Spiegel der Karikatur

p.65-68
Die „Scheidungsrechtlerinnen“
Die „Sozialistischen Frauen“
p.69-72
Rezeptionsgeschichtlicher Abriß und Fazit – Anmerkungen – Illustrationen p.73-76
Weitere Illustrationen p.77-79
Cover Daumier-Katalog Ausstellungen Berlin / Stuttgart -/ Graz –
Inhaltsverzeichnis
Katalog


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„Das Jahr der Frau – (k)ein Witz“ – Karikaturen zum Jahr der Frau 1975

Vortrag – nur in Auszügen veröffentlichter Beitrag: Bilderschau und Analyse der zahlreichen Karikaturen, mit denen man sich in Deutschland über das „Internationale Jahr der Frau“ 1975 amüsierte…

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Frauenbewegung in der Karikatur des 19. Jahrhunderts

Onscreen Version von:

„Honoré Daumier und die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft“, Katalog zur Ausstellung Berlin, Schloß Charlottenburg (NGBK) 1974, Stuttgart (Württembergischer Kunstverein) 1975, Graz/Österreich (Kulturhaus) 1977

Viel Vergnügen beim Lesen!

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Daumier beginnt erst Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, seine Lithographensteine auch gegen die Frauenbewegung zu schleudern, als diese bereits ihrem zweiten Höhepunkt im Bürgerlichen Zeitalter entgegengeht. Während die Hohe Kunst noch dem Schönen Geschlecht, dem Weib in Ideal und Allegorie huldigt, hat die Karikatur lange vor Daumier schon das Häßliche Geschlecht entdeckt. Das männliche Geschlecht hat sich zur Legitimierung seiner Herrschaft gewisse Qualitäten reserviert; die revoltierende Frau, die eine Umwertung der Qualitäten will, wird verdächtigt, daß sie auch noch an sein Geschlecht wolle: Gegen die Definition des Weibes aufbegehren heißt Mann werden wollen, heißt häßlich werden – als Frau.

Heldinnen sind Frauen, die für Ziele der Männer kämpfen. Megären sind sie, wenn sie es wagen, eigene Forderungen zu stellen. Frauenrechtlerinnen sind Megären. Bei Daumier erscheinen sie noch relativ harmlos; sie leisten eher passiven Widerstand, bewaffnet nur mit den „Waffen einer Frau“.

Mit welchen Waffen haben die Frauen tatsächlich gekämpft? Hatten sie Bundesgenossen? War ihr Feind der Mann schlechthin? Für welche Ziele haben sie denn gekämpft?

Diese Fragen, die sich vor Daumiers Blättern stellen, werden von ihm nicht beantwortet; Daumier war Partei, durch seine Klassenzugehörigkeit und durch sein Geschlecht. Darum müssen wir Daumiers Bilder wieder in den historischen Kontext einordnen, aus dem sie gerissen wurden und untersuchen, welche Ausschnitte er zeigt.

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Die Frage lautet, wie die Reaktion nach der Ersten französischen Revolution 1789 die Frauen getroffen hat, unter welche Gesetze sie sie gestellt hat; warum sie Anschluß an die frühsozialistischen Gruppen suchen, und dort abgewiesen oder diszipliniert werden, sobald sie eigene Interessen geltend machen; warum die Hoffnungen, die sie in ihre Apostel Saint-Simon, Fourier, Cabet, George Sand oder in Arbeitervereinigungen setzten, sich als Illusionen herausstellten; wieso die Frauen über die Klassenschranken hinweg sich zusammenschließen und bis 1848 zu der Konsequenz, d. h. zur autonomen Frauenbewegung gelangen.

Daumiers Haltung zur Frauenemanzipation wird dem am Beispiel von drei Serien gegenübergestellt: Wie er zuerst 1844, verharmlosend und diffamierend zugleich, die emanzipierte Frau im Typ des „Blaustrumpf“ karikiert und damit den Eindruck erweckt, als werde die Emanzipation nur von bürgerlichen Karrieristinnen gefordert. Der Umfang von 40 Blättern verrät aber doch die Brisanz des Themas.

Noch 1848 bringt es Daumier fertig, die Frauenbewegung in seiner Serie der „Scheidungsrechtlerinnen“ auf die bürgerliche, für Daumier damit ausschließlich auf den Kampf gegen die Ehe gerichtete Dimension einzuschränken. Dabei wußten die Frauen nur zu genau, daß ohne Recht auf Arbeit das Recht auf Scheidung nur auf dem Papier stehen würde.

Der Titel der 1849 erschienenen Serie der „Sozialistischen Frauen“ löst sein Versprechen auf konkretere Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung (denn sie besteht aus diesen „Sozialistischen Frauen“) nicht ein: Jeanne Deroin, von Daumier zur Protagonistin dieser Serie gemacht, tritt nur als Wahlkämpferin auf; die Schließung der Frauenclubs wird begrüßt; der Versuch der Frauenbewegung, sich mit der konspirativen Organisationsform der „Bankette“ dennoch eine Möglichkeit für Agitation und Propaganda zu bewahren, wird im bewährten Bild des vernachlässigten Ehemannes getadelt.

Nun stellt sich das Bild für den Zeitgenossen Daumiers nicht ganz so fragmentarisch dar wie für den Betrachter heute: Daumiers bürgerlicher Adressat findet dessen Karikaturen im Charivari, und bezieht schon von daher zusätzliche Information über die Frauenbewegung in Text und Bild. Aber der Text zur Frauenbewegung ist Satire, das Bild Karikatur; der Charivari in bezug auf die Frauenemanzipation ein Frosch, der seine Perspektive für die des Vogels ausgibt.

Auch durch die anderen Zeichner des Charivari, de Beaumont, Cham u. a., die sich karikaturistisch mit so radikalen Frauenclubs wie dem proletarischen der „Vesuviennes“ auseinandersetzen, wird der Leser wieder nur in dem Glauben bestätigt, es handele sich um die Revolte von bürgerlichen Frauen gegen die Ehe und ihre Pflichten. So erweist sich die Haltung Daumiers zur Frauenemanzipation als keineswegs individuell, sondern als typisch. Die Aktualität der Frauenfrage wird sich abschließend, in einem Abriß zur Rezeptionsgeschichte, noch einmal bestätigen.

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1789: Die Vorkämpferinnen

Die Frauenbewegung 1848 will einen Kampf zum Sieg führen, der nach der Großen Revolution 1789 für sie nur Niederlagen gebracht hatte.

1789 hatten die Frauen ihre Häuser verlassen, waren vom Sockel der Allegorien von Freiheit und Vaterland herabgestiegen, um mit der Waffe in der Hand für diese Werte zu kämpfen. Theroigne de Mericourt, die „Amazone der Freiheit“, und ihre Schwestern in ganz Frankreich bildeten Amazonencorps. Frauen waren es, die nach Versailies zogen, um das Königspaar und den Kronprinzen, „Bäcker, Bäckerin und Bäckerjungen“, nach Paris zu holen (1). Sofern sie sich den Reihen der Kämpfenden ein- und deren Zielen unterordnen, werden sie gebraucht. Als sie aber in ihren Clubs, die sie nach dem Vor- bild der Männer gegründet hatten, Bürgerrechte und wirtschaftliche Betätigungsfreiheit auch für sich fordern, werden die Amazonen der Freiheit zu häßlichen Megären. Olympe de Gouges stellt 1789 der „Erklärung der Männerrechte“ („Declaration des droits des hommes“) eine „Erklärung der Frauenrechte“ an die Seite:

„Die Frau hat das Recht aufs Schafott zu steigen; sie muß ebenso das haben, auf eine Rednertribüne zu steigen.“

In derselben Erklärung zieht sie auch Bilanz:

„O Frauen, Frauen! Wann werdet ihr aufhören, blind zu sein? Welches sind die Vorteile, die ihr durch die Revolution erhalten habt? Eine stärkere Verachtung, eine noch ausgeprägtere Geringschätzung. In den Jahrhunderten der Korruption habt ihr über nichts. geherrscht als über die Schwächen der Männer. Euer Reich ist zerstört. Was bleibt euch nun? Die Überzeugung von den Ungerechtigkeiten der Männer…“ (2).

Wenngleich die Konstituierende Versammlung 1790 Erbberechtigung auch für Töchter und 1792 sogar das Scheidungsrecht einführt, so werden doch nur die Frauen und Kinder begüterter Männer bessergestellt; die grundlegenderen Ansprüche der Frauen auf Ausbildung, freie Berufsausübung und politische Rechte werden abgelehnt. Der Code Civil Napoleons von 1804 bestätigt in aller Deutlichkeit: „Die Frau schuldet ihrem Mann Gehorsam“. (Art. 1) Der Artikel 488 des Code besagt zwar, daß alle unverheirateten volljährigen Frauen „…absolute Herrinnen ihrer Person und ihrer Güter“ seien, aller Akte des Zivillebens fähig (3) -aber solange eine unverheiratete volljährige Frau sich nicht durch ihre Arbeit selbst ernähren kann, wird sie ihr 21. Lebensjahr kaum unverheiratet erleben. 1826 hebt die Restaurationsregierung die Scheidung wieder auf. Die Frauenclubs werden 1793 vom Wohlfahrtsausschuß der Regierung verboten.

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Die Frauenemanzipation zwischen den Revolutionen: Die Apostel

Aber die Frauen haben eine Ahnung von den Möglichkeiten ihrer Freiheit bekommen. Bald nach der Jahrhundertwende treten die Sozialutopisten mit dem Entwurf neuer Gesellschaftsordnungen an die Öffentlichkeit. In Ermangelung eigener Theorien und auf der Suche nach einer neuen Identität glauben die Frauen, in der „Association universelle“ des Saint-Simon endlich .einen neuen Platz gefunden zu haben; bilden doch Mann und Frau die „soziale Einheit“ in dieser von jeder Sklaverei befreiten zukünftigen Gesellschaftsordnung. Aber Saint-Simon selbst beläßt es bei so allgemeinen Formulierungen. So bleibt die Auslegung seines Evangeliums seinem Jünger Pere Enfantin überlassen (4). Und Enfantin setzt die Frau wieder auf den Thron, der ihre Befreiung schon immer verhindert hat: Sie wird zur anbetungswürdigen Idealgestalt. Die zahlreichen Anhänger Enfantins, Frauen und Männer aus allen Klassen, warten mit ihm auf das Erscheinen der „Mère“; dieser weibliche Messias sollte zusammen mit dem Pere das saintsimonistische Papstpaar, das „Divine Androgyne“ bilden. Die „Mutter“ sollte auch endlich das „Siegel“ brechen, das die Fesseln der Frauen bindet. Diese würdige Frau ist trotz intensiver Suche, trotz Expeditionen in den Orient, nie gefunden worden. Das Siegel an den Fesseln der Frau blieb!

Ein Siegel jedoch löste Enfantin mit der „Rehabilitation de la chair“. Diese „Befreiung des Fleisches“ aus den Banden des fleischesunlustigen Christentums bedeutete in der Praxis die moralische Lockerung der Ehebande bis an die Grenzen der Promiskuität. Was auch die saintsimonistischen Frauen zunächst als progressives Moment empfanden, erwies sich weder als theoretischer, noch weniger als praktischer Schritt zu ihrer Befreiung: Der Dualismus von Fleisch und Geist blieb in der alten Rollenverteilung erhalten. Die Frau bleibt Fleisch, nur wird ihre Fleischlichkeit heraufgehoben zur Würde des männlichen Geistes. Die Divinisierung des Leibes wurde zum Mittel, die Frauen umso ungehinderter sexuell ausbeuten zu können. Auch sonst wird nur über sie verfügt: Im „Conseil suprême“ Enfantins sitzen keine Frauen, und 1831 werden sie völlig aus der Hierarchie ausgeschlossen.

saintsimonist missionar

Zahlreiche Frauen lernen aus dieser Enttäuschung. Sie machen sich auf die Suche nach einem neuen Apostel. Ehemalige Saint-Simonistinnen schreiben 1832 in der ersten Nummer ihrer Frauenzeitschrift „Femme libre“: „Wo sich alle im Namen der Freiheit beunruhigen und das Proletariat seine Befreiung fordert, da bleiben die Frauen untätig angesichts dieser großen Bewegung der sozialen Emanzipation, die sich vor unseren Augen abspielt? …Ist unser Los so glücklich, daß wir nicht auch etwas zu fordern hätten? Die Frau ist bis heute ausgebeutet, tyrannisiert worden. Diese Tyrannei, diese Ausbeutung müssen aufhören. Wir sind frei geboren wie der Mann und die eine Hälfte des menschlichen Geschlechts kann nicht ohne Ungerechtigkeit der anderen unterworfen sein.“ (5).

Die Frauen begreifen sich hier nicht als Minderheit, sondern als die Hälfte der Menschheit – wenn das männliche Proletariat als die zahlenmäßig kleinere Gruppe seine Befreiung fordert, wieso dann nicht die Frau?

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Neuer Apostel der Frauen wird Charles Fourier, der schon 1808 in den“ Theories des quatre mouvements et les destinées générales“ erklärt hatte: „Die Erweiterung der Vorrechte der Frauen ist das allgemeine Prinzip jeden sozialen Fortschritts.“ (6). Ganz prinzipiell stünden sozialer Fortschritt und Rechte der Frauen in proportionalem Verhältnis. Aber auch diese, den Frauen so viel versprechende Theorie wird in der Exegese der Fourier-Schüler auf ein Minimum reduziert. Victor Considerant fordert für die Frauen nur noch die Freiheit in der Wahl des Ehegatten und die Freiheit von Prostitution. Der Fourierist Etienne Cabet sichert in seinem Utopia, das er in der „Reise nach Ikarien“ 1842 entwirft, den Frauen alle Bürgerinnenrechte und gleiche Bildungschancen zu. Die öffentlichen Funktionen aber behält auch er den Männern vor. Die Frauen werden nur erzogen und ausgebildet, um ihren Ehemännern adäquate Zuhörerinnen sein zu können: „…um in nichts unbewandert zu sein, was ihre Männer interessiert, und um alles zu verstehen, was diese so sehr beschäftigt.“ (7). In seinem Club der „Ikarier“ stellt Cabet 1848 zwar die Frage des Frauenwahlrechts zur Diskussion, enthält sich aber jeder Stellungnahme. Die Diskussion wird vertagt und nie wieder aufgenommen, trotz des Drucks durch die Frauen. Die Sozialutopisten haben mit der Erfüllung ihrer leichtgegebenen Heilsversprechungen an die Frauen nie Ernst gemacht.

Eine „autonome“ Befreiungsbewegung zu schaffen, sind die Frauen noch nicht imstande. Zu lange waren sie gewaltsam an jeder Einsicht in gesellschaftliche Zusammenhänge gehindert worden. Aber gleich welche Rolle in Familie und Gesellschaft sich die Frauenrechtlerinnen der Zeit vor 1848 zudenken: Immer sehen sie ihre Befreiung im Zusammenhang mit der der unterdrücktesten Klassen. Aber auch bei diesen, die sie für ihre natürlichen Verbündeten halten, stoßen sie auf Ablehnung, sobald sie das Ende der Geschlechterherrschaft fordern. Flora Tristan beispielsweise führt einen lebenslangen Kampf für die Sache der Frauen und der Arbeiter, aus selbsterfahrener doppelter Unterdrückung: Nach dem frühen Tod des Familienernährers Arbeiterin (Koloristin); die früh eingegangene Ehe mit ihrem Arbeitgeber ist unglücklich; Flora Tristan verläßt ihren Mann und nimmt die Kinder mit; die Ehe kann nach geltendem Recht nicht geschieden werden, der Mann seine Frau lange Jahre ungestraft verfolgen…(8).

1843, kurz vor ihrem Tod, kann endlich Tristans Hauptwerk, die „Arbeiterunion“, erscheinen. Darin fordert und präzisiert sie lange vor Marx ihre Idee: Die Emanzipation der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter selbst sein, – aber ohne Emanzipation der Frau wird sie auch immer Illusion bleiben. Tristan schlägt den Arbeitern auch den Wortlaut einer Erklärung vor, die schließt: „Wir französischen Proletarier …erkennen…, daß das Vergessen und die Mißachtung, die man den natürlichen Rechten der Frauen entgegengebracht hat, der einzige Grund für das Unglück in der Welt sind… Söhne von 89, dies ist das Werk, das eure Väter euch zu tun übertragen haben!“

Hiermit und insbesondere mit der Schilderung der Misere in Proletarierehen stößt sie bei ihren Adressaten auf wenig Gegenliebe. Ehe und Familie sind auch für den proletarischen Mann die letzten Reservate, wo er aufgrund seines Geschlechts Herrschaft ausüben kann. So findet Tristans Werk bei den Arbeiter- und Handwerksassoziationen kaum oder späte Anerkennung; in einem Brief an Considerant schreibt sie enttäuscht: „Ich habe fast alle gegen mich. Die Männer, weil ich die Emanzipation der Frau fordere, die Besitzenden, weil ich die Emanzipation der Lohnabhängigen fordere.“ (9).

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Die Blaustrümpfe verderben die Ehesitten

Während solcherart die Frauen auf allen Ebenen für ihre Emanzipation kämpfen, nimmt Daumier erst 1844 das Thema mit den 40 Blättern „Les Bas-Bleus“ („Die Blaustrümpfe“) auf.

Die „Blaustrümpfe“ als irgendwie geartete Organisation gibt es nicht. Ursprünglich gemeint war jene Kategorie von gelehrten und schriftstellernden Frauen, die ihren Spottnamen einer gewissen blaubestrumpften Mrs. Stillingfleet verdankt, einer um 1780 in London prominenten Schöngeistin (10).

Daumier und seine Zeitgenossen verstehen unter dem „Blaustrumpf“ bereits die emanzipierte Frau schlechthin -und disqualifizieren zugleich damit Emanzipation zum exklusiven Anliegen bürgerlicher Frauen. Die Abwehr ist umso engagierter, als ja die Gefahr von den Frauen der eigenen Klasse droht: der Daumiers und des Charivari-Lesers.

Bürgerliche verheiratete Frauen revoltieren der Natur ihrer Unterdrückung gemäß nicht gegen den einen Lohnherren, sondern gegen den Eheherren; (der als Lohnherr nicht erkannt wird: Hausarbeit war von jeher unbezahlt!) so steht die Ehe im Mittelpunkt des Emanzipationsstrebens von Daumiers Blaustrümpfen. In der Serie „Ehesitten“ („Moeurs Conjugales“) hatte er bereits 1839 das Thema ausgiebig behandelt. Dort findet der Geschlechterkampf noch in der Guten Stube oder im Schlafzimmer statt, ein Zweikampf gegen die „kleinen Schönheitsfehler“ einer kleinbürgerlichen bis bürgerlichen Ehe. Daumier rüttelt nicht an den Fundamenten dieser Institution, wie es 1745 Hogarth mit seinem Zyklus „Mariage à la mode“ getan hatte; aber bei Hogarth ging es um Geldehen, geschlossen nach dem Motto: „Was das Kapital verbunden hat, soll die Moral nicht scheiden.“

Daumier hingegen blickt mit gutmütigem Spott durchs Schlüsselloch des Bürgers, kritisiert aus Dienstmädchen-Perspektive. Das sechste Blatt der „Ehesitten“ jedoch weist deutlich voraus auf die „Blaustrumpf“-Thematik: Ein Ehemann in Unterhosen hält seiner lesenden Frau die zerrissenen Hosen hin und beklagt sich über George Sand, die die Frauen am Flicken der Hosen hindere: „… Man muß die Scheidung wieder einführen … oder diese Autorin da verbieten!“ (11). Damit klingen die drei Hauptdissonanzen der Bas-Bleus an: Ehefrauen weigern sich, dem Ehemann die Hosen zu flicken, wollen gar sich selbst mit diesem Symbol seiner Macht bekleiden; Ehe und Familie werden zugunsten eigener Interessen der Frauen vernachlässigt; George Sand, „…diese Autorin da“, hat den braven Ehefrauen die Flausen von Liebesheirat und literarischem Ehrgeiz in den Kopf gesetzt und ist Quelle allen Übels.

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Was wollte George Sand und was für Absichten unterstellte Daumier ihren blaustrümpfigen Anhängerinnen? (12).

Was will Eure George Sand

1831 hatte die Baronin Dudevant ihren Baron verlassen und unter dem Pseudonym George Sand erste Erfolge als Feuilletonistin beim „Figaro“ aufzuweisen. Bald darauf machte sie in ihren Romanen „Indiana“ und „Lelia“ Frauen zu Heldinnen, die gegen die Tyrannei der Ehe aufbegehren. Die folgende Entwicklung ihres politischen Bewußtseins ähnelt der zahlreicher anderer Frauen; von den Saintsimonisten, die sie als „Mutter“ gewinnen wollen, bekehrt sie sich auf dem Umweg über die Sozialutopisten und Lamennais Ende der 30er Jahre zu den Anschauungen von Pierre Leroux. Dieser sieht im Kampf gegen die Mißstände des Kapitalismus die Abwendung der Landflucht mittels forcierter Entwicklung agrarischer Produktionsweisen als geeignete Waffe an. Der Appell an die vernunftgemäßen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit tritt an die Stelle von Klassenkampf. Die Verwirklichung dieser Postulate durch die ver- einten fortschrittlichen Kräfte der Menschheit wird schließlich die „Religiöse Demokratie“ schaffen. Dieselbe Tendenz vertritt George‘ Sand ab 1840 in ihren sogenannten „sozialen“ Romanen. Wenn sie darin Bauern und Handwerker zu Protagonisten macht und zur gesellschaftlich vorantreibenden Kraft erklärt, so entspricht das der tatsächlichen historischen Rolle dieser Klassen in den Jahren von 1830 bis 1850. Sand verkehrt selbst in den Kreisen „schreibender Handwerker“, und Agricol Perdiguers „Livre du Compagnonnage“ in seinem gesellen bündischen Charakter beeinflußte ihr Buch „Compagnons du tour de France“ (1840). Am Beispiel der Beziehung zwischen Handwerksgesellen und Adelsfräulein schließt es mit der Aussicht auf Klassenversöhnung.

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Ihren begeisterten, aber diffusen Glauben an das „Volk“ beschwört sie 1848 in ihren „“Briefen an das Volk“, in ihrer Zeitschrift „La Cause du Peuple“. Ihrer Gesinnung nach steht sie am linken Flügel der Kleinbürgerlichen Demokraten; das zeigt auch ihre enge Zusammenarbeit mit Ledru-Rollin in den ersten Revolutionswochen 1848. Als nach der Wahl zur Nationalversammlung im April 1848 die Regierung die Konterrevolution unterstützt, droht Sand in einem Bulletin eine neue Volkserhebung an. Aber ihr wirklicher Einfluß in den politischen Parteien ist gering, und schon bald zieht sie sich aus allen politischen Aktivitäten zurück; mit Louis Bonaparte schließt sie nach dessen Staatsstreich Burgfrieden.

In der Frauenfrage erwartet Sand wie Leroux die Lösung erst in einer veränderten Gesellschaftsordnung. Aber nicht nur im blinden Glauben an solchen Automatismus gerät die Frauenfrage in ihren „sozialen“ Romanen zum Randproblem; hätte sie doch aufgrund der umfassenden Beschäftigung mit Gesellschaft und Politik zu einer klareren Analyse der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle der Frauen in der Gesellschaft gelangen können. Aber die Frauenfrage war gar nicht mehr ihr Problem: Von den einflußreichsten Männer der Zeit als ihresgleichen anerkannt, glaubte sie, das Emanzipationsziel erreicht zu haben – und war darüber hinausgeschossen, war Mann aus Überzeugung geworden, mit aller Geringschätzung für ihr ehemaliges Geschlecht. So distanzierte sie sich auch 1848 mit aller Schärfe von den Frauenrechtlerinnen.

Die Sand als Graue Eminenz der Blaustrumpf-Serie ist eigentlich noch immer die frühe, ehefeindliche Sand, obwohl sie 1844, als die Serie erschien, bereits die oben beschriebene Entwicklung genommen hatte. Daumier stellt Emanzipation immer wieder als Travestie dar; und es ist kein Zufall – auch für dieses Mißverständnis von Emanzipation als Imitation, als Rollentausch konnte die Sand das Vorbild schlechthin abgeben. Sie kleidete sich wie ein Mann, rauchte, gebärdete sich wie ein Mann… Daumiers Blaustrümpfe sind allesamt Sand-Epigoninnen. Sie werden nur beim Vornamen genannt, und das läßt sie anonym, d.h. bedeutungslos scheinen. In der Ahnenreihe dieser Eudoxien, Ismenien und Arsinoes stoßen wir auf die französischen Preziösen des 17. Jahrhunderts, deren Erbe jetzt diese Kleinbürgerinnen als eingebildete Geistesfürstinnen verschleudern.

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Wo Geist und Schöpferkraft Männersache sind und sich Frauen diese Fähigkeiten anmaßen, werden sie, – wenn nicht gleich zum Mann, – so doch zum Neutrum. So tröstet sich im ersten Blatt der Serie ein reizloser Blaustrumpf über sein Spiegelbild mit dem Ausspruch Mme. de Staels: „… Genie hat kein Geschlecht.“ (13). Trotz dieses Mangels sind die meisten Blaustrümpfe Daumiers noch zu einer Familie gekommen; und noch immer sind ihnen die Pflichten von Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft zugewiesen. Ihrer geistigen Leidenschaften wegen verweigern sie jedoch die Hausarbeit. Im Blatt 28 der Serie weigert sich wieder einmal eine Frau, ihrem Mann die Hosenknöpfe anzunähen. Mit ‚gewaltiger Symbolkraft‘ schleudert sie ihm die Hosen auch noch an den Kopf. Ist nicht auch der Bestand der Familie ernstlich in Gefahr, wo die Kinder ständig ins Badewasser fallen oder von den Vätern beschäftigt werden müssen, weil die Mutter eine „Ode an die Mutterschaft“ schreibt? (Blatt 7 und 14 der Serie). Daumier entgeht, daß die übliche Rollenverteilung viel mehr Komik enthält: Wenn der Mann die Freuden der Mutterschaft in Oden besingt, während die Frau ihm die Kinder vom Halse halten muß…

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