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…oder: Wer hat die Hosen an?

„Liebe Damen, löst die Haften Eurer Kleider vor dem Kaminfeuer, laßt sie lose hängen, atmet tief ein und dehnt Euch aus, so weit ihr könnt. Dann richtet das Gewand, schneidet die Schleppen ab bis zu den Knien, zieht ein Paar Hosen an und knöpft sie an den Knöcheln zu. Wir wollen unsere Kleider ändern, bis sie uns passen. Die Frau soll sich frei entwickeln und bewegen können.“

Dies rief Elizabeth Cady Stanton um 1850 ihren Geschlechtsgenossinnen zu. Sie war eine Vorkämpferin des „Bloomer-Kostüms“, einer Hose mit einem Rock darüber, nach „türkischer Art“:


Modell im Bloomer-Kostüm um 1850. Abb. aus Artikel. Rechts: Karikatur „Turks in Gotham“, New York 1851 (Ausschnitt; Gotham ist ein Spitzname für N.Y.). Die New Yorker Dame provoziert nicht nur durch ihre türkischen Hosen, sondern eine Sammlung Säbel links am Körper, und eine Zigarre in ihrer Rechten.

Mit dieser „türkischen“ Reformkleidung war Amelia Jenks Bloomer 1851 vorerst gescheitert – am Spott ihrer ZeitgenossInnen. Es dauerte noch fast 70 Jahre, bis Frauen in Europa und den USA halbwegs unangefochten Hosen anziehen und sich vom Korsett befreien konnten.

Revolutionen – auch und gerade solche im Geschlechterverhältnis – drückten sich immer auch in Revolutionen der Körper und ihrer Kleidung aus. Kleider machen Leute, – und Kleider machen Männer zu Männern und Frauen zu Frauen.
Bewegungsfreiheiten von Frauen – in ihren Körpern, ihren Kleidern, in der Welt – spiegeln seit je den Grad ihrer allgemeinen Freiheit, – der Fortschritte und Rückschläge.

Nicht zufällig steht das weibliche „Korsett“ synonym für Zwang, und wer die männlichen „Hosen an“ hat, hat auch die Macht, die sie verkörpern.

So ist insbesondere die Geschichte der Frauenbewegungen seit dem 19. Jahrhundert immer auch eine der Kämpfe um Kleiderreformen, „befreite Körper“ und Bewegungs- und Blickfreiheit im öffentlichen Raum.

Großes Aufsehen erregten in Frankreich während der Revolution 1848 die bewaffneten, hosentragenden Frauenheere der „Vésuviennes“:


„Phrasie, nähe mir nur diesen einen Knopf hier an! Ich kann ohne das nicht aus dem Haus!“…“Nie mehr!“. De Beaumont, „Les Vésuviennes“, 1848. (Ausschnitt; aus Artikel: > Emanzen, das Häßliche Geschlecht“)

In ihren Bewegungsfreiheiten erfahren Frauen aber auch immer wieder Rückschläge: Nach der französischen Revolution von 1793 gab es eine kurze Zeit der korsettfreien Mode – bis sie umso einschnürender wieder zum Diktat wurde;

oder das Beispiel Türkei: Atatürk revolutionierte die Kleiderordnung der Türkei „top down“, als er 1925 den Fez für die Männer und die Verschleierung der Frauen verbot –


Atatürk, Besuch in einer Mädchenklasse. Foto: imageShack
eine Errungenschaft, die seit Jahren durch orthodoxe und islamistische Tendenzen in der Türkei und weltweit wieder zurückgedrängt wird.


Die erste türkische Pilotin Sabiha Gökcen, eine Adoptivtochter von Atatürk. Rechts im Bild Atatürk.


Atatürk und Begleitung beim Baden. Foto: ImageShack.us

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Zu Frauen als  unfreiwilligen „Hüterinnen von Ehre und Tradition“ und der „Kopftuchdebatte“ vgl. auch den Artikel im Menü

> Neue Frauenbewegung – Wissenschaft, Kunst, Frauenfeste (Volltext, PDF):

Rückschläge? Überlegungen zu Kulturrelativismus und Geschlechterdemokratie in Deutschland

in: Via Regia. Blätter für Internationale Kulturelle Kommunikation, 68/69, 1999/2000

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Körper, Kleider und der Kleine Unterschied

Mehr zum Thema in > Frauenwelten-Männerwelten, Kap. 5 – 6.5 oder hier als PDF

Inhalt: 

II Körper, Kleider und der Kleine Unterschied 211
5. Einleitung: ein männlicher Frauenbeauftragter und die weib­liche Schwäche 211
6 Körper, Kleider und Geschlechterkampf – eine Übersicht 214
6.1 Der „Kampf um die Hosen“ als Kampf um mehr Bewegungsfrei­heit 215
6.2 „Der Kampf um die Hosen“, 1850 bis zum ersten Weltkrieg 219
6.3 „Der Kampf um die Hosen“: die Zeit zwischen den Welt-Kriegen — „Das Mädchen sieht aus wie ein Mann, der wie ein Mädchen aussieht“ 224
6.4 Zur Kontinuität der Ideologie vom Schwachen Geschlecht im Sport 229
6.5 Zur Körper-Kultur der Nachkriegszeit: zwischen Reaktion und Rebellion 237

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….der Kampf um die Hosen

Die lange Kultur-Geschichte des „Kampfes um die Hosen“ und kulturvergleichende Blicke liefern eindrucksvolle Argumente für aktuelle Streitfragen, wie die Bedeutung von Burka und Kopftuch.

Insofern ist es kein Zufall, dass der Artikel „Der Kampf um die Hosen“ gleich im ersten Jahrgang 1977 der neuen Frauenzeitschrift „EMMA“ erschien.


Foto: Bundesarchiv – wikimedia commons. Original-Bildunterschrift 1933:

„Marlene Dietrich bei ihrer Ankunft in Europa in Männerkleidern. Marlene Dietrich, die bekannte Filmschauspielerin, welche sich augenblicklich in Paris aufhält, wurde von dem Polizeipräfekten von Paris, Chiappe, unter Androhung der Verhaftung, verboten sich öffentlich in Männerkleidern zu zeigen!

Artikel nachgedruckt in: Alice Schwarzer (2007): EMMA – Die ersten 30 Jahre, München, S. 155-157; Titel: „Der Kampf um die Hose. Immer, wenn es um die Emanzipation geht, dann haben Frauen auch die Hosen an“. Originaltext in: EMMA, Heft 4/1977.

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…und: Frauen, Körper, Raum

„Ohne Zweifel beginnt die Aneignung des Raumes mit der Aneignung des individuellen Körpers. Kann derjenige, der nicht Herr seines Körpers ist, sich jemals im Raum wohlfühlen und eine Vertrautheit im Umgang mit Raum gewinnen?“ (Chombart de Lauwe, 1977).

Wenn dies schon für den >Herren seines Körpers< gilt, um wieviel besorgter müssen wir dann für die Bewohnerinnen von Frauenkörpern fragen: > Kann diejenige, die nicht Frau ihres Körpers ist, sich jemals im Raum wohlfühlen und eine Vertrautheit im Umgang mit Raum gewinnen?“ (nach Frauenwelten – Männerwelten, S. 237)

In der neuen Frauenbewegung der 70er Jahre haben Frauen von Anfang an ein Bewußtsein dafür entwickelt, dass das Streben nach Gleichheit und Freiheit sich gleichermassen im Streben nach Bewegungsfreiheit im eigenen Körper wie im Raum ausdrückt.
Anthropologinnen hatten bereits 1983 auf der Konferenz von Bellagio die „Ideologie der zwei Sphären“ kritisiert, – also die sozialräumliche Unterscheidung zwischen männlich-öffentlich-politischer und weiblich-häuslich-privater Sphäre, mit der Zuschreibung von Gestaltungsmacht, Sichtbarkeit und Bewegungsfreiheit an die eine, und Zweitrangigkeit, Unsichtbarkeit und Eingeschlossenheit an die andere.

mehr zum Thema in Menü > „Frauenwelten-Männerwelten“, Kap. 7 – 7.5, oder direkt hier 
als PDF


Inhalt:

7 Frauen, Körper, Raum: zum Thema 237
7.1 ,,Das verbaute Leben“ — was bewirkt Architektur für die Entfaltungs- und Bewegungsfreiheit von Frauen? 237
7.2.1 „Private“ Räume: Die Behinderung der Emanzipation durch die Wohnung 241
7.2.2 „Ein Zimmer für sich allein“: eine richtige Forderung und die Wirklichkeit 245
7.3 „Öffentliche Räume“ und die Identitätsgewißheit von Frauen 247
7.4 „Die eingebaute Gewalt“: über die Begünstigung von Gewalt gegegen Frauen durch Bau- und Siedlungsstrukturen 250
7.5 Fazit: mehr Raum für Frauen und Mädchen! 255